Philipp Löpfe

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SonntagsZeitung, 16. Mai 2010

Der Euro: Gedeihen oder Verderben

Pro und Kontra: Kann das Hilfspaket für Griechenland den Euro wirklich retten?

Armin Müller ist Volkswirtschafter und hält die Währungsunion für gescheitert:

Wir werden den Euro verteidigen, was immer es kosten mag», sagte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. «Shock and Awe» (Schock und Ehrfurcht), die US-Blitzkrieg-Strategie, sollte die Finanzmärkte von der Stabilität der Eurozone überzeugen. Beeindruckend ist nur die Grösse des Rettungsschirms, den die Euroländer aufspannen: 750 Milliarden Euro. Inhaltlich kann die Lösung nicht überzeugen.

Das Problem der Eurozone sind zu viele Schulden, zu hohe Staatsausgaben und massive wirtschaftliche Ungleichgewichte. Jetzt sollen die Zweifel an der Rückzahlbarkeit der Schulden mit noch mehr Schulden ausgeräumt werden. Der Euro soll gestärkt werden, indem man noch mehr Euros druckt. «Wir schützen das Geld der Menschen in Deutschland», sagt die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das mag langfristig stimmen, kurzfristig schützt das 750-Milliarden-Paket nur die Banken, die Griechenland zu viel Geld geliehen haben. Die Euro-Rettung überbürdet alle Risiken den Steuerzahlern.

Nur die wenigsten fühlen sich wirklich als Europäer

Bei Griechenland, Spanien oder Portugal gibt es berechtigte Zweifel, ob sie sich aus den Schulden herausarbeiten können. Der Rettungsschirm ändert daran nichts, im Gegenteil: Ihre ungenügende Wettbewerbsfähigkeit wird zementiert. Die unter EU-Druck angekündigten Sparmassnahmen werden die Länder tief in die Rezession stossen. Sie sind einerseits völlig ungenügend, um die angestrebten Ziele zu erreichen. Andererseits sind sie für die angeschlagenen Volkswirtschaften untragbar. Weil sie im Euro gefangen sind und ihre Währung nicht abwerten können, muss die ganze Last der Anpassung über Preis- und Lohnsenkungen und Entlassungen erfolgen, denn Wachstum gibt es kaum. Griechenland wird trotz Rettungspaket um eine Umschuldung nicht herumkommen, gerade weil das Land in der Währungsunion feststeckt.

Manche Euro-Politiker sehen jetzt die Chance gekommen für die «Vereinigten Staaten von Europa», mit gemeinsamer Steuer-, Finanz- und Haushaltspolitik. «Man kann keine Währungsunion haben, ohne eine Wirtschaftsunion zu haben», sagt Barroso. Doch dafür fehlen die Voraussetzungen: Die kulturellen Unterschiede sind zu gross. Nur die wenigsten Franzosen oder Deutschen fühlen sich als Europäer. Eine Krise in Griechenland ist für beide eine Krise im Ausland. In den USA ist das entscheidende Motiv für die Mitgliedschaft das gemeinsame Schicksal, in der EU ist es das nationale Selbstinteresse. Wenn die Euro-Politiker die Krise nutzen wollen, um sich darüber hinwegzusetzen, gefährden sie mehr als nur den Euro.

Philipp Löpfe ist Wirtschaftsautor. Er plädiert für die Vereinigten Staaten von Europa:

Das 750-Milliarden-Euro-Hilfspaket ist letztlich aus Not zustande gekommen und aus der Einsicht, dass es gar nicht anders geht. Zu viel steht auf dem Spiel: Zerbricht der Euro, hätte dies einen Kollaps des internationalen Finanzsystems und des globalen Handels zur Folge. Die Unsicherheit, was in welcher Währung nun wie viel wert sein soll, würde selbst die modernsten Computer und die klügsten Banker überfordern. Was Finanzminister, Europäische Zentralbank und IWF am letzten Wochenende zusammengestellt haben, ist deshalb beides: eine unvermeidliche Notoperation und ein Weckruf. Der Patient Europa hat die Operation überstanden, aber ohne grundlegende Reformen wird er langfristig nicht überleben.

Den Kritikern des Euro wäre dies nur recht. Sie mögen die Einheitswährung nicht. Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Euro-ländern seien viel zu gross, als dass sie sich in ein Einheitskorsett zwängen liessen, behaupten sie. Der Euro sei eine Fehlkonstruktion, ein ökonomischer Unsinn, der nur dank politischen Starrsinns entstehen konnte.

Gerade uns Schweizer sollte diese Argumentation stutzig machen. So sind die strukturellen Unterschiede zwischen dem Jura und Zürich etwa gleich gross wie jene zwischen Griechenland und Deutschland. Doch es käme niemandem in den Sinn, den Franken wieder abzuschaffen. Ebenso absurd wären Forderungen nach einem «freiwilligen» Austritt einzelner Kantone aus der Eidgenossenschaft.

Das heutige Europa befindet sich in einer ähnlichen Lage wie die Schweiz im 19. Jahrhundert. Damals machte die Industrialisierung eine einheitliche eidgenössische Währung nötig. Heute sorgt die Globalisierung dafür, dass sich Europa den Luxus nationaler Währungen nicht mehr leisten kann. Die Musik spielt in den Schwellenländern Brasilien, Russland, Indien und China. Europa gerät ins Hintertreffen. Will es nicht ganz marginalisiert werden, muss es als Einheit auftreten. Allein auf sich gestellt, würde jede Nation rasch in der Bedeutungslosigkeit versinken, selbst Frankreich und Deutschland.

Der Fortbestand der EU ist für die europäischen Unternehmen überlebenswichtig. Sie brauchen einen geeinten Heimmarkt, um gegen die asiatische Konkurrenz bestehen zu können. In China etwa entwickelt sich ein homogener Markt mit 1,3 Milliarden Menschen. Wie soll sich ein europäischer Autobauer künftig gegen die chinesischen Konkurrenten behaupten, wenn er nicht nur höhere Löhne bezahlen, sondern sich auch noch mit mehreren nationalen Währungen und Gesetzen herumschlagen muss?

Gerade Deutschland profitiert von Euroland
Nördlich des Rheins sind wegen der griechischen Tragödie derzeit Heulen und Zähneklappern angesagt. Doch gerade Deutschland profitiert von Euroland. Eine Rückkehr zur D-Mark würde die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft massiv beeinträchtigen. Sie würde eine sofortige Aufwertung der deutschen Währung zur Folge haben und damit die Konkurrenzvorteile schlagartig vernichten.

Das 750-Milliarden-Euro-Hilfspaket ist unter einem extremen Leidensdruck entstanden. Kurzfristig führt dies zu Verwirrung und Populismus. Langfristig wird sich hoffentlich die Erkenntnis durchsetzen, dass Europa mehr Integration braucht, nicht weniger. Die Zukunft gehört den Vereinigten Staaten von Europa.