Philipp Löpfe

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SonntagsZeitung, 19. Dezember 2010

Wir brauchen eine Hoffnungsgesellschaft

Im Westen herrscht eine pessimistische Grundstimmung – obschon es für viele Probleme durchaus Lösungen gäbe

In seinem Buch «Kampf der Emotionen» teilt der französische Politikwissenschaftler Dominique Moïsi die moderne Welt in Gefühlslagen ein. Das Wechselspiel von Angst und Hoffnung bestimmt demnach die Geopolitik – und nicht Faktoren wie Wirtschaftswachstum oder militärisches Potenzial.

Tatsächlich wird die Zukunft des Planeten derzeit auf unterschiedlichen Kontinenten sehr verschieden wahrgenommen. In Asien und Lateinamerika sind die Menschen überwiegend optimistisch eingestellt. Gemäss dem Pew Research Centre sind 87 Prozent der Chinesen überzeugt, ihr Land befinde sich auf dem richtigen Weg in die Zukunft. Nur 26 Prozent der Franzosen teilen diese Einschätzung. Im Westen herrscht eine zutiefst pessimistische Grund- stimmung.

Schuld am Pessimismus des Westens sind für einmal nicht die Medien. Man braucht derzeit weder Journalist noch Untergangsprophet zu sein, um eher düster in die Zukunft zu blicken. Und man muss auch den oft sehr geschraubten Sätzen des deutschen Philosophen Peter Sloterdijk nicht bis in ihre hintersten Wendungen folgen, um mit dem Titel seines jüngsten Buches einverstanden zu sein: «Du musst dein Leben ändern».

Sloterdijk trifft damit den Nerv der Zeit: Nicht nur Klimawandel, Überbevölkerung und die drohende Erschöpfung verschiedener Energiequellen deuten an, dass wir uns auf nicht sehr nachhaltigem Weg befinden. Die Wirtschaftskrise hat uns drastisch vor Augen geführt, wie verletzlich unser gesamtes System geworden ist. Wenn heute eine Bank in Irland hustet, dann haben die Finanzplätze rund um den Globus eine Lungenentzündung.

Die Angst der Menschen vor dem vermeintlichen Untergang ihrer Kultur ist so alt wie die Menschheit selbst. Stammesgesellschaften haben beim sogenannten Cargo-Kult ihre Dörfer und ihre wenigen Besitztümer hinter sich gelassen, um auf göttliche Retter zu warten, die nie eingetroffen sind. Der Ökonom Thomas Robert Malthus hat am Ende des 18. Jahrhunderts eine Hungerkatastrophe vorausgesagt. Die Überbevölkerungswarnungen der 1968 gegründeten Denkfabrik Club of Rome oder des Biologen Paul R. Ehrlich («Die Bevölkerungsbombe», 1971) haben sich in Luft aufgelöst.

Trotzdem: Wer glaubt heute ernsthaft, dass bald zehn Milliarden Menschen auf der Erde so leben können wie wir – ohne dass der Planet dabei ökologisch zugrunde geht? Wer fürchtet sich nicht davor, dass die sich immer höher türmenden und vertrackter aufgeschichteten Schuldenberge nicht eines Tages mit gewaltigem Getöse einstürzen und eine allen Reichtum vernichtende Hyperinflation auslösen werden?

Angst lähmt nicht nur, sie macht auch dumm. Deshalb wird der Westen nicht nur pessimistisch, sondern zunehmend paranoid. Selbst die einst so toleranten Skandinavier und Holländer haben den Islam als Feindbild entdeckt. Die Deutschen suhlen sich mit Thilo Sarrazins in einer masochistischen Lust am Untergang des Abendlandes, und auch die Schweizer wollen die Burka verbieten, obwohl die meisten von ihnen noch nie einer verhüllten Frau begegnet sind.

Humanistische Werte werden reihenweise über Bord gekippt. Das Präfix «Kuschel» ist zum schlimmsten Schimpfwort überhaupt geworden, auf politische Unkorrektheit ist man stolz.

Die Politik der Angst verstellt den Blick darauf, dass es Alternativen gibt. Wer mit Wissenschaftlern oder Technikern spricht, ist regelmässig erstaunt, was heute schon möglich wäre und in Zukunft möglich sein wird. Es fehlt nicht an Ideen.

Was wir brauchen, sind Organisationen und Institutionen, die es ermöglichen, dass diese Ideen den Weg vom Labor in die Praxis finden. Dazu braucht es mehr als Geld. Es braucht einen neuen Gemeinschaftssinn. Und es braucht, um es in den Worten Moïsis auszudrücken, auch im Westen den Wechsel von einer Angst- zu einer Hoffnungsgesellschaft.