Philipp Löpfe

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Tages-Anzeiger, 04. März 2010

Wieso das Pfund leichter wird 

Währungsspekulation Fällt nach Griechenland nun auch England?

Der britische Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson, der in Harvard und Oxford lehrt, schrieb vor einem Monat in der «Financial Times»: «Alles begann in Athen. Jetzt breitet es sich aus nach Lissabon und Madrid. Aber es wäre ein schlimmer Fehler, anzunehmen, dass die Krise der Staatsverschuldung sich auf die schwachen Länder der Eurozone beschränken würde.» Inzwischen ist auch Fergusons Heimat davon betroffen. Spekulanten attackieren das Pfund Sterling, es verliert täglich an Wert.

Ist Griechenland überall? Rollt auf der Insel bereits die die nächste griechische Tragödie an? Tatsächlich sehen die britischen Kennzahlen schlecht aus. Im laufenden Jahr wird ein Staatsdefizit von auf 12 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) - aller im Inland erarbeiteten Güter und Dienstleistungen - erwartet. Insgesamt wird damit die Verschuldung der öffentlichen Hand auf rund 88 Prozent des BIP steigen. Dieser Trend macht allmählich die Ratingagenturen misstrauisch. Standard & Poor’s denkt öffentlich darüber nach, den Briten das sogenannte AAA, die Bestnote für Schuldner, abzusprechen, zumal auch die Aussichten auf die nähere Zukunft nicht gerade rosig sind: Für das laufende Jahr wird ein Wirtschaftswachstum von gerade mal 1,4 Prozent erwartet. 

Schuld ist die Meinungsumfrage 

Die wenig erfreulichen Fakten sind jedoch seit längerem bekannt. Warum also die plötzliche Schwindsucht des Pfunds? Schuld daran ist eine Meinungsumfrage vom vergangenen Wochenende. Sie stellt einen bereits sicher geglaubten Wahlsieg der Konservativen wieder in Frage. Ihr Vorsprung auf Labour ist auf 2 Prozent geschmolzen, ein «hung parliament», ein blockiertes Parlament, wird zum realistischen Szenario.

Die Konservativen hatten im Falle eines Wahlsiegs ein hartes Sparprogramm in Aussicht gestellt. Dieses ist nun in Frage gestellt, und die Märkte spielen deshalb verrückt. 

Vielleicht ist die besagte Meinungsumfrage auch nur ein Vorwand. Ein blockiertes Parlament hat es in der britischen Geschichte schon öfters gegeben, ohne dass deswegen die Welt untergegangen wäre. Andererseits machen Unsicherheit und volatile Kurse Menschen reich, die das auszunützen wissen. Gegen den Euro und das britische Pfund wird derzeit im grossen Stil gewettet. Die Volumen der Short-Positionen - so werden Einsätze auf fallende Devisenkurse genannt - sind auf Rekordhöhe gestiegen. Finanzhaie haben deshalb grosses Interesse daran, negative Gerüchte zu streuen, denn wer mit seiner Wette auf fallende Kurse richtig liegt, verdient richtig viel Geld. Als es George Soros im September 1992 gelang, die Bank of England zu sprengen, soll er in einer Nacht eine Milliarde Dollar verdient haben. 

Verfehlte Hysterie 

Einzelnen Spekulanten mag die Hysterie um angeblich bevorstehende Staatsbankrotte zu riesigen Gewinnen verhelfen, der überwiegenden Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hingegen vernebelt sie die Sicht auf die Realität. Blenden wir kurz zurück: Die Weltwirtschaft hat soeben den schwersten Kollaps seit den 30er-Jahren erlitten. Eine Wiederholung der Grossen Depression konnte nur vermieden werden, weil sich die Staaten in grossem Stil verschuldet haben. Immer noch ist die Wirtschaft in den meisten Ländern auf staatliche Krücken angewiesen, denn die Privathaushalte und die Unternehmen sparen oder bauen Schulden ab. In ihrer jüngsten Einschätzung stellt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fest, dass die Sparüberschüsse des Privatsektors in gewissen Ländern mehr als 10 Prozent des BIP betragen. 

Der Ausweg aus dem Schlamassel ist daher nicht eine «Griechenland ist überall»-Hysterie. Die gegenwärtigen Staatsschulden überall sind zwar unschön, aber sie lassen sich so lange nicht vermeiden, bis der Privatsektor wieder investiert und konsumiert. 

In der Zwischenzeit könnte auch ein bisschen britischer Humor helfen. Einzelnen Kommentatoren auf der Insel stellen trocken fest, dass selbst der Zimbabwe-Dollar gegenüber dem Pfund zugelegt hat.