Philipp Löpfe

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SonntagsZeitung, 17. Januar 2010

Schnee in der Sahara

«Der Vergleich der Arbeit mit dem Wirken Gottes»

Gerald M. Levin war einer der am meisten bewunderten Manager der Neunzigerjahre. Als CEO von Time Warner hatte er die Bedeutung des Kabelfernsehens früh erkannt und damit sein Unternehmen zum führenden Medienkonzern der USA ausgebaut. Dann unterlief ihm eine katastrophale Fehleinschätzung. Er wähnte, im Online-Anbieter AOL die Zukunft erblickt zu haben, schloss den Emporkömmling mit seinem traditionellen Geschäft zusammen und vernichtete im schlimmsten Deal des Jahrhunderts mehr als 160 Milliarden Dollar Eigenkapital. Vor ein paar Tagen sorgte Levin erneut für Schlagzeilen. Er trat vor die Kameras und entschuldigte sich. «Ich übernehme die Verantwortung», erklärte er. «Es war nicht die Schuld des Verwaltungsrates und auch nicht die Schuld meiner Kollegen.»

Manager, die sich öffentlich entschuldigen, das kommt etwa so häufig vor wie Schnee in der Sahara. Ärzte begraben bekanntlich ihre Irrtümer. Manager tauchen ab. Können Sie sich erinnern, dass sich einer der Verantwortlichen des Swissair-Debakels Asche auf das Haupt gestreut hätte? Oder hat vielleicht der ehemalige CS-Chef Lukas Mühlemann je ein Wort der Reue für seinen Megaflop mit der Investmentbank Donaldson, Lufkin & Jenrette geäussert? Können Sie sich gar vorstellen, dass ein Marcel Ospel in eine laufende TV-Kamera sagen würde: «Sorry, ich habe Mist bei der UBS gebaut, und zwar nur ich allein.»? Absurd.

Dabei hätten Banker mehr als genügend Gründe für öffentliche Reue. Sie tun sich damit schwer, um es milde auszudrücken. Das hat sich diese Woche an den ersten Einvernahmen der Financial Crisis Inquiry Commission in Washington gezeigt. Vor diesem Gremium mussten die Chefs von Goldman Sachs, J. P. Morgan, Morgan Stanley und der Bank of America antraben. Geht es um die Verteidigung von Boni, fallen den Bankern jede Menge mehr oder weniger plausible Gründe ein. Wenn Sie aber erklären sollten, weshalb sie die Krise nicht verhindert, ja nicht einmal geahnt haben, werden sie einsilbig. Jamie Dimon, CEO von J. P. Morgan, meinte, solche Krisen würden halt alle fünf bis sieben Jahre einmal passieren. Der Chef von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein, verglich die Vorgänge mit einem Hurrikan.

Das beredte Schweigen der Banker mag rechtliche Gründe haben. Sie fürchten juristische Folgen. Die Angst ist berechtigt. Immer wieder versuchen aufgebrachte Aktionäre, mit Sammelklagen einen Teil ihrer Verluste wettzu- machen. Aber auch die Psyche der Manager verhindert erfolgreich, dass sie «Sorry» sagen. Lloyd Blankfein hat seine Arbeit nicht zufällig mit dem Wirken Gottes verglichen.

Wer heute an der Spitze eines Topunternehmens steht, braucht dazu ein Selbstbewusstsein, das an eine narzisstische Störung grenzt. Da bleibt kaum Platz für Reue.

«Einsicht oder Selbstkritik habe ich in meinen langen Jahren als Gutachter und Psychiater noch kein einziges Mal erlebt», stellte der Psychiater Thomas Knecht im «Tages-Anzeiger» fest. Levins öffentliche Entschuldigung wird daher eine Ausnahme bleiben – und auch er hat zehn Jahre gebraucht, bis er sich endlich dazu durchringen konnte.