Philipp Löpfe

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Tages-Anzeiger, 09. August 2010

Das Milliardärsherz wird im Alter weich

Private Wohltätigkeit: US-Superreiche lancieren eine spektakuläre Spendenaktion. Geben als Show: Das hat Tradition seit Rockefeller.  


US-Milliardäre wie Warren Buffett und Bill Gates geloben öffentlich, die Hälfte ihres Vermögens und mehr für wohltätige Zwecke zu spenden (der TA berichtete letzte Woche). Da fällt einem John D. Rockefeller (1839–1937) ein. Bis heute ist er der Inbegriff des rücksichtslosen Kapitalisten. Er presste die Ölarbeiter aus, zog Konkurrenten über den Tisch, manipulierte Frachtpreise und nützte seine Monopolmacht gegenüber den Konsumenten schamlos aus. Auf diese Weise wurde er ein Öl-Tycoon und der reichste Mann der Welt.

Rockefeller war aber auch ein tiefgläubiger Baptist. Von Kindheit an wurde er angehalten, sein Leben stetig zu verbessern. Er hielt sich an John Bunyans berühmte Erbauungsschrift «The Pilgrim’s Progress»; sie besagt, dass nur in den Himmel kommt, wer das irdische Jammertal durchlaufen und dabei seinen Mitsündern auf den richtigen Weg verholfen hat. «The Pilgrim’s Progress» ist die ideologische Grundlage der protestantischen Puritaner und gehört nach der Bibel zu den am meisten gedruckten Büchern.

Rockefeller war deshalb nicht nur der ruchloseste Kapitalist seiner Zeit, er war auch der grösste Wohltäter aller Zeiten. In seiner zweiten Lebenshälfte widmete er sich fast ausschliesslich diesem Ziel, finanzierte die Chicago University und gründete vor allem die Rockefeller Foundation, sozusagen die Mutter aller Wohltätigkeitsstiftungen. Sie will die medizinische Wissenschaft und die öffentliche Gesundheit fördern. Selbst die härtesten Kritiker Rockefellers stellen seiner Stiftung nur das beste Zeugnis aus. Der Magnat liess ihr bis 1920 eine Summe von 530 Millionen Dollar zukommen, auf heute umgerechnet eine noch viel riesigere Summe. Rockefeller sorgte zu seinen Lebzeiten dafür, dass das Geld auch sinnvoll eingesetzt wurde.

Wohltätigkeit gehört zum US-Kapitalismus wie Apfelkuchen zum American Way of Life. Der Stahlbaron Andrew Carnegie finanzierte Bibliotheken und Konzerthallen. Und der Autoindustrielle Henry Ford rief die Ford-Stiftung ins Leben. Es gibt keine amerikanische Eliteuniversität, die nicht auf potente Gönner zählen kann, und keine amerikanische Kleinstadt, in der nicht eine lokale Wirtschaftsgrösse zumindest die Turnhalle der lokalen Highschool berappt hat.

Wenn nun also nach Buffett und Gates auch der Medienmogul Ted Turner, der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg und der Hollywoodregisseur George Lucas versprochen haben, mehr als die Hälfte ihres Milliardenvermögens wohltätigen Zwecken zukommen zu lassen, dann setzen sie eine bestens etablierte Tradition fort.

Warum ist Wohltätigkeit gerade bei den US-Kapitalisten so hoch im Kurs? Sicher spielt die erwähnte puritanische Tradition eine grosse Rolle, diese Mischung aus Misstrauen gegenüber dem Staat und Betonung der Eigenverantwortung, gepaart mit christlicher Nächstenliebe. Bei den jüngsten Spendeversprechen mögen auch Steuerüberlegungen eine Rolle spielen. Die Erbschaftssteuer ist zwar derzeit ausser Kraft gesetzt, aber die Schonfrist läuft 2011 wohl aus; gut möglich, dass der Kongress die «death tax» zu neuem Leben erweckt. Und noch ein Faktor: Weil der Sozialstaat im Vergleich zu Europa nur minim ausgebaut wird, hat die private Wohltätigkeit in den USA einen viel höheren Stellenwert als bei uns.

Schmidheiny, Philanthrop

Wie halten es Schweizer Kapitalisten mit der Wohltätigkeit? Ähnlich wie die Amerikaner, nur weniger spektakulär. Im protestantischen Basel etwa haben die Pharmaindustrie und andere Branchen nicht nur Geld gescheffelt. Basels reiche Familien haben auch die Christoph-Merian-Stiftung und andere Stiftungen möglich gemacht. Und als vor rund zehn Jahren die Stadt kein Geld für ein neues Theater hatte, sprangen gut situierte Frauen ein.

Auch die berühmteste Schweizer Kapitalistendynastie, die der Schmidheinys, ist an verschiedenen Fronten aktiv, vor allem Stephan Schmidheiny. Wie einst John D. Rockefeller widmet auch er seine zweite Lebenshälfte einem nachhaltigen philanthropischen Unternehmertum und finanziert ökologische Projekte in Südamerika.