SonntagsZeitung, 13. Februar 2011
Askese halten wir nicht lange durch
Bei der Solartechnik mischte die Schweiz in den 80er-Jahren noch an der Spitze mit. Die Tour de Sol war jedes Jahr ein Medienereignis. Selbst der «Blick» berichtete über die Erfolge der Bieler Ingenieurstudenten. Der Uhrenunternehmer Nicolas Hayek war so be geistert, dass er sich entschloss, das Elektromobil der Zukunft zu bauen, den Smart. Heute ist dieses Kleinauto ein verstossenes Kind der Daimler-Familie, fährt mit Benzin und steht wahrscheinlich vor dem Aus. Generell hat das Interesse an der Solarenergie nachgelassen, ihr Anteil am Schweizer Strommix ist nach wie vor sehr bescheiden. Das müsste nicht so sein. Selbst mit dem bestehenden Stand der Fotovoltaik könnte heute schon in der Schweiz genügend Solarstrom produziert werden, um den gesamten Privatverkehr mit Elektroautos zu bestreiten.
Das Schicksal der Sonnenenergie in der Schweiz erinnert an das Schicksal des Rades bei den Maya. Die mittelamerikanischen Indianer haben eine Hochkultur errichtet, die Jahrtausende überdauerte. Sie kannten auch das Rad, verwendeten es aber bloss als Kinderspielzeug. Erstaunlich, wenn man bedenkt, was für Möglichkeiten die Maya sich so vergeben haben.
Auch China hat sich im Mittelalter merkwürdig verhalten. Das Reich der Mitte war damals viel weiter entwickelt als Europa. Admiral Zheng He verfügte im 15. Jahrhundert über eine Flotte von mehr als 300 Schiffen, die Tausende von Soldaten transportieren konnten und mit Kanonen ausgerüstet waren. 1424 jedoch befahl der neu inthronisierte Kaiser Zhu Di, diese Flotte zu zerstören. China stagnierte und wurde später von der aufstrebenden Weltmacht Grossbritannien gedemütigt.
Hochkulturen sind offenbar ein schlechtes Pflaster für Innovationen. Anstatt zu echtem Fortschritt kommt es zum sogenannten Rebound-Effekt (siehe Text rechts). Gerade die hiesige Energiedebatte ist ein gutes Beispiel dafür. Niemand stellt infrage, dass die Zukunft den erneuerbaren Energien gehört. Selbst die Stromwirtschaft spricht bei der Atomkraft von einer «Brückentechnologie». Trotzdem zeichnet sich jetzt schon die aufwendigste Propagandaschlacht ab, die zum Ziel hat, zwei weitere Atommeiler zu bauen. Hat sie Erfolg, dann wird in der Schweiz das 21. Jahrhundert von einem Provisorium dominiert werden. Dabei ist Atomkraft überholt. Bei einem Sieg der Atomlobby wird die zukunftsträchtige Fotovoltaik hierzulande das gleiche Schicksal erleiden wie das Rad bei den Maya: Sie wird zum Spielzeug degradiert, putzig zwar, aber irrelevant.
Der Rebound-Effekt hat einen Zwilling, den Wachstumsverzicht. Wenn der technische Fortschritt letztlich dazu führt, dass die Umweltbilanz sich weiter verschlechtert, dann bleibt einzig der Verzicht übrig. Darum ist es verständlich, dass wir ein Comeback der «Grenzen des Wachstums»-Debatte der 70er-Jahre erleben. Auch diesmal wird sie kaum Erfolg haben. Weshalb auch? Der Wachstumsverzicht ist das spiegelbildliche Negativ des Fortschrittsglaubens. Die beiden sitzen, wie das Teufelchen und das Engelchen, auf unseren Schultern und flüstern uns ins Ohr, was wir zu tun haben. Das Teufelchen ist uns dabei sympathischer, weil es irgendwie humaner ist. Dauerhafte Askese halten nur ein paar auserwählte Menschen aus, und wer mag es schon, wenn man ihm ständig das Gefühl vermittelt: Eigentlich wäre es das Beste für die Natur, wenn es dich nicht gäbe?
Langfristig hat sich in der Geschichte die Tugend noch nie durchsetzen können. Was wir daher brauchen, ist nicht eine neue ökologische Moral. Wir brauchen keinen Wachstumsverzicht, sondern eine Wirtschaft, die so organisiert ist, dass Hedonismus keinen Schaden anrichten kann. Solarenergie wäre ein guter Anfang. Sie zwingt uns nicht zum Sparen, sondern ist eine Energie, die wir bedenkenlos verschwenden können.
Wir brauchen keine neue ökologische Moral.
