Philipp Löpfe

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Tages-Anzeiger, 02. Februar 2011 

Ein Zinsschock hätte katastrophale Folgen

Inflation: Nicht von der Teuerung, sondern von erhöhten Leitzinsen droht Gefahr.



In Euroland ist die Inflation im Januar auf 2,4 Prozent geklettert, in Grossbritannien werden es bald 5 Prozent sein. Weltweit sind die Preise für Nahrungsmittel auf einem Rekordniveau, in China droht die Wirtschaft zu überhitzen, und wegen der Unruhen in Ägypten hat der Ölpreis die Schallmauer von 100 Dollar pro Fass durchbrochen.

Haben also alle recht, die schon lange vor dem Gespenst einer neuen Inflation gewarnt haben?
Zuerst: Inflation ist nicht gleich Inflation. Eine Teuerungsrate von unter 2 Prozent gilt allgemein als harmlos. Bevor die Notenbanken zum Vorschlaghammer greifen und die Leitzinsen erhöhen, klären sie deshalb ab, ob die sogenannte Kerninflation bedrohlich ansteigt oder nicht. Bei dieser Masseinheit werden die sehr volatilen Energie- und Nahrungsmittelpreise ausgeblendet.

Schaut man allein auf die Kerninflation, dann kann Entwarnung gegeben werden: Sie liegt in Euroland bei harmlosen 1,1 Prozent. Warum warnt also der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, lauthals vor der Inflationsgefahr?

In der globalisierten Wirtschaft des 21. Jahrhunderts ist das Wachstum sehr ungleich verteilt. Aufstrebende Schwellenländer wie China boomen. Das treibt im eigenen Land die Löhne und weltweit die Rohstoffpreise in die Höhe. Weite Teile Europas haben sich von der Krise noch nicht erholt. Länder wie Frankreich, Italien oder Spanien befinden sich derzeit in der schlimmsten aller Welten: Wegen der nach wie vor hohen Arbeitslosigkeit dümpeln die Löhne vor sich hin oder sinken real gesehen gar.

Dass dabei die Kerninflation tief bleibt, ist für den gebeutelten Mittel- stand dieser Länder ein schwacher Trost, denn an der Tankstelle und im Supermarkt machen sich die erhöhten Preise schmerzlich bemerkbar.

Nicht nur die Weltwirtschaft, auch Euroland ist ökonomisch gesehen eine Zweiklassengesellschaft geworden. Die deutsche Wirtschaft wächst wie schon lange nicht mehr. Volkswagen & Co. kommen mit dem Ausliefern ihrer neuesten Modelle kaum nach. Trotz einer nach wie vor hohen allgemeinen Arbeitslosigkeit von 7,5 Prozent wird ein Mangel an Facharbeitern befürchtet. Gelingt es diesen rar gewordenen Facharbeitern, fette Lohnerhöhungen durchzudrücken, dann besteht die Gefahr eines «Zweitrunden-Effekts». Will heissen: Die klassische Lohn-Preis-Spirale käme in Gang, die Inflation würde zum Selbstläufer.

Das deutsche Trauma

Ökonomisch gesehen wäre eine leicht höhere Inflation in Deutschland keine Katastrophe, ja sogar wünschenswert. Auf diese Weise würden sich die Unterschiede in der Produktivität der einzelnen Euroland-Volkswirtschaften am schmerzlosesten einebnen.

Politisch gesehen ist dies jedoch illusorisch. Die Deutschen leiden nach wie vor unter dem Trauma der Hyperinflation der 1920er-Jahre. Sie werden also Druck auf die EZB ausüben, unter allen Umständen zu verhindern, dass die Inflation ansteigt. Es zeichnet sich damit der nächste Grundsatzkonflikt innerhalb von Euroland ab: Soll Trichets Zentral- bank die Leitzinsen erhöhen oder soll sie nicht?

Einen vernünftigen Kompromiss gibt es dabei nicht. Beispiel Spanien: Jenseits der Pyrenäen liegt die Arbeitslosigkeit bereits heute bei über 20 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit gar bei rund 40 Prozent. Nur schon leicht höhere Zinsen würden die Wirtschaft in eine zweite Rezession stürzen. Auch in Frankreich, Belgien und Italien, ganz zu schweigen von Irland, Griechenland und Portugal, hätte ein Zinsschock der EZB katastrophale Folgen.

Eine schwere Belastungsprobe

Inflation ist so gesehen tatsächlich eine Bedrohung für Europa. Nicht weil eine Hyperinflation zu befürchten wäre – eine solche ist nicht in Sicht. Bedrohlich wäre hingegen, wenn die Europäische Zentralbank unter dem Eindruck der explodierten Rohstoffpreise voreilig die Leitzinsen erhöhen würde.

Täte sie dies, könnte es zu einer schweren Belastungsprobe für die ohnehin schon strapazierte Einheit Europas kommen.
Ökonomisch gesehen wäre eine leicht höhere Inflation in Deutschland sogar wünschenswert.