Nun hilft nur noch der Schuldenerlass
Derzeit vergeht kein Tag, an dem uns nicht ein internationaler Starökonom überzeugend vorrechnet, dass Griechenland sich niemals aus eigener Kraft aus seinem Schuldensumpf befreien kann. Gerüchte über eine bevorstehende Umschuldung sind inzwischen genauso allgegenwärtig geworden wie die Dementis aus Brüssel, Frankfurt und Athen, die prompt auf den Fuss folgen. Warum tun sich Griechenland und die Eurozone das noch länger an? Warum weigert man sich, das Offensichtliche zu anerkennen? Griechenland ist bankrott, eine Umschuldung kann nicht verhindert werden. Was soll also das Theater?
Für die Griechen sieht die Lage wie folgt aus: Sie haben von der EU und vom Internationalen Währungsfonds (IWF) ein Hilfspaket in der Höhe von 110 Milliarden Euro erhalten. Im Gegenzug mussten sie ihre wirtschaftspolitische Eigenständigkeit aufgeben. Wie und wo gespart, restrukturiert und entlassen wird, darüber entscheiden inzwischen weitgehend fremde Experten. Ein Problem haben jedoch selbst diese klugen Köpfe nicht lösen können: Was passiert mit den griechischen Banken im Fall einer Umschuldung? Rund 70 Milliarden Euro oder ein Fünftel der Staatsschulden werden von einheimischen Finanzinstituten gehalten. Auch einheimische Pensionskassen haben diese Obligationen in ihren Büchern. Sie wären bei einem sogenannten Haircut, einem teilweisen Schuldenerlass, genauso betroffen wie alle andern Gläubiger. Ob sie einen solchen Verlust verkraften könnten, ist fraglich. Daher würde eine Umschuldung den Griechen zunächst einmal eine schwere Bankenkrise und Verluste bei der Altersvorsorge bescheren, keine besonders verlockenden Aussichten.
Unwirsche Zentralbank
Auch EZB-Präsident Jean-Claude Trichet reagiert sehr unwirsch auf Fragen nach einer bevorstehenden Umschuldung Griechenlands. Er hat dafür gute Gründe: Die griechischen Staatsschulden sind eine tödliche Gefahr, die inzwischen das gesamte europäische Bankensystem bedroht. Niemand glaubt mehr daran, dass diese Schulden jemals zum vollen Preis zurückbezahlt werden, deshalb werden sie weitergereicht wie heisse Kartoffeln. Mehr noch: Jedes neue Umschuldungsgerücht in Sachen Griechenland hat sofort Folgen für die Staatsobligationen der beiden anderen gefährdeten Defizitländer Irland und Portugal. Selbst spanische und italienische Anleihen sind zunehmend betroffen. Dieser Dominoeffekt könnte zur Implosion des internationalen Finanzsystems führen. Experten vergleichen die Situation mit dem Kollaps von Lehman Brothers: Ein griechischer Haircut könnte zur Kreditklemme im gesamten Bankensystem führen, nur wäre diesmal die Situation viel schlimmer als im Herbst 2008.
Albträume löst die griechische Situation schliesslich auch bei den Politikern im Norden von Euroland aus. In Deutschland etwa haben Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble ihren misstrauischen Mitbürgern das Hilfspaket mit dem Versprechen abgerungen, Griechenland würde damit im Frühling 2012 wieder auf eigenen Füssen stehen. Doch Griechenland hat keine Chance, in absehbarer Zeit auf dem Kapitalmarkt wieder Kredite zu vernünftigen Bedingungen zu bekommen. Das bedeutet, dass bald neue Hilfspakete geschnürt werden müssen. Rund 30 Milliarden Euro werden bereits für 2012 erwartet, und auch dieses Paket würde kaum das letzte sein. Griechenlands Wirtschaft wird unter den gegebenen Bedingungen noch lange auf Hilfe angewiesen sein. Wer aber glaubt, deutsche, finnische und niederländische Politiker könnten ihren Wählern eine endlose Reihe von Hilfspaketen an Griechenland verkaufen, lebt auf einem anderen Planeten.
Die Griechen, die EZB und die Politiker in den nördlichen Staaten – alle haben gute Gründe, eine Umschuldung Griechenlands so lange wie möglich hinauszuschieben. Dieser Tag wird trotzdem kommen, je früher, desto besser.
Die griechischen Staatsschulden sind eine Gefahr für das ganze Bankensystem Europas.
