Tages-Anzeiger, 09.Februar 2011
Hunger und andere Mangelerscheinungen
Ja, Spekulanten sind mitverantwortlich, dass die Lebensmittelpreise auf Rekordhöhe stehen. Sie verdienen an stark schwankenden Preisen und treiben sie mit Interventionen in die Höhe. Deshalb forderte jüngst einer der führenden Agrarökonomen weltweit, der Bonner Professor Joachim von Braun, im «Spiegel»: «Wir brauchen dringend eine angemessene Regulierung der Agrarmärkte, die die Spekulation zügelt. Finanzakteure müssten künftig bei jeder Transaktion im Termingeschäft Kapital hinterlegen, um ernsthaftes Handelsinteresse zu unterstreichen. Das schreckt all jene ab, die im Markt nur kurz rein- und rausspringen, um Gewinne mitzunehmen.»
Die Hauptursache der explodierenden Nahrungsmittelpreise ist allerdings eine andere: Die Weltwirtschaft ist wieder in Fahrt gekommen. Die aufstrebenden Schwellenländer Asiens laufen auf vollen Touren. Das hat weitreichende Konsequenzen. Beispiel China: Die Beratungsfirma McKinsey hat ausgerechnet, dass der chinesische Mittelstand von heute 190 Millionen Menschen bis 2025 auf über 370 Millionen anwachsen wird. Diese Menschen wollen nicht nur eine geräumige Wohnung, ein Auto und Unterhaltungselektronik. Sie wollen auch Fleisch essen. Das gilt nicht nur für die Chinesen.
Um eine Kalorie Fleisch zu produzieren, braucht es etwa zehnmal so viel pflanzliche Kalorien; und es braucht sehr viel Wasser. Zudem wächst die Weltbevölkerung rasant. Bis Mitte dieses Jahrhunderts wird die Erde rund neun Milliarden Menschen zu verkraften haben. Experten rechnen damit, dass die Bauern bis 2050 etwa doppelt so viel produzieren müssen wie heute. Ist das überhaupt möglich?
Am meisten Potenzial hat Brasilien. Dank neuen Anbautechniken hat das Land die Getreideproduktion zwischen 1996 und 2006 verfünffacht, ohne den Regenwald zu verwüsten. Auch die afrikanischen Bauern haben ihre Möglichkeiten längst nicht ausgeschöpft. Sie ernten auf einer Hektare durchschnittlich eine Tonne Getreide, die moderne Landwirtschaft bringt es auf zehn Tonnen. Aber nicht nur die Bauern, die gesamte Wertschöpfungskette der Landwirtschaft muss viel effizienter werden. Wir werden auch nicht umhinkommen, unsere Essgewohnheiten zu hinterfragen.
Langfristig gesehen haben die explodierenden Lebensmittelpreise darum auch eine gute Seite: Bauern reagieren auf Preissignale und steigern die Produktion entsprechend. Dazu braucht es keine Spekulanten, sonderneinen vernünftig regulierten Markt.
