Wieso das Pfund leichter wird
«Eine Milliarde hier, eine Milliarde dort», besagt ein berühmtes Zitat aus der US-Politik – «und bald sprechen wir wirklich über Geld.» Das ist die zynische Beschreibung, wie der Staat mit Geld umgeht. Wer den Satz zuerst äusserte, bleibt umstritten. Er stammt aus den Fünfzigerjahren, einer Zeit also, in der eine Milliarde Dollar noch sehr viel Geld war. Das ist offensichtlich nicht mehr der Fall. Egal, ob es darum geht, Banken zu retten, die Konjunktur zu beleben oder Rettungsschirme für klamme Euroländer aufzuspannen – stets ist dabei von riesigen Beträgen die Rede. Wirklich über Geld spricht man heute offenbar erst, wenn es um dreistellige Milliardensummen geht.
Dumm bloss, dass unsere Vorstellung nicht mithalten kann. Wir sind schlicht nicht in der Lage, solche Summen zu erfassen. Wie sollten wir auch? Schliesslich sind es bloss ein paar Tausend Jahre her, als es für den Homo sapiens noch völlig ausreichte, bis zehn zählen zu können. Seither hat sich unser Gehirn nicht verändert. Wenn wir nun dauernd mit dreistelligen Milliardenbeträgen konfrontiert werden, dann ist das – was den Erkenntniswert betrifft – nutzlos. Die Menschen sind mit diesen Zahlen nicht informiert, sondern überfordert: ideale Voraussetzungen für Verschwörungstheorien jeder Art.
Komplex wie Quantenphysik
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) ist zurzeit ein beliebtes Objekt solcher Verschwörungstheorien. Um eine zu rasche Aufwertung des Frankens zu verhindern, hat sie im vergangenen Jahr Euros in dreistelliger Milliardenzahl erworben. Gleichzeitig hat sie damit auch die Geldmenge massiv ausgeweitet. Damit wollte sie einer drohenden Deflationsgefahr entgegnen. Sie hat dies nicht aus Jux und Tollerei getan. Die Geldpolitik der SNB ist sehr wichtig, denn die Schweiz ist eine Exportnation, und ein falsch bewerteter Franken hat empfindliche Auswirkungen auf unseren Wohlstand und unsere Arbeitsplätze. Gleichzeitig ist die Geldpolitik von Notenbanken ein sehr komplexes Thema. Nebst Quantenphysik gibt es wohl kaum etwas, was dem Laien schwieriger zu erklären wäre.
Bisher konnte die Nationalbank ihre Geldpolitik deshalb unabhängig gestalten. Bürgerliche Politiker haben diese Unabhängigkeit stets vehement verteidigt. Die Linke hat sie mehr oder weniger murrend akzeptiert. Jetzt stellt die SVP diese Unabhängigkeit infrage. Für Blocher & Co. ist die SNB neuerdings ein Monster, das mehr demokratische Kontrolle braucht. Gleichzeitig soll auch der Kopf von SNB-Präsident Philipp Hildebrand rollen. Begründet wird die Kampagne mit der Vernichtung von «Volksvermögen» in zweistelliger Milliardenhöhe, die angebliche Spekulationen der SNB verursacht haben. Was ist davon zu halten?
Gefährliche Kampagne
Eine Aufwertung der eigenen Währung kann eine Notenbank grundsätzlich mit einfachen Mitteln bekämpfen: Sie druckt mehr eigenes Geld und kauft damit die fremde Währung. Auf diese Weise hält die chinesische Notenbank den Kurs des Renminbi gegenüber dem Dollar tief und hat damit eine Dollarreserve von mehr als 2500 Milliarden Dollar geäufnet. Auch die SNB hat ihre Euroreserven massiv ausgedehnt. Weil der Kurs der Einheitswährung trotzdem gefallen ist, muss die SNB den Verlust ausweisen. Es handelt sich dabei jedoch um einen Buchverlust. Anders als bei der Verteidigung einer Währung gegen Abwertung muss die SNB einen solchen Verlust nicht realisieren, denn Franken kann die SNB selbst herstellen, Dollar, Euros und andere Fremdwährungen hingegen muss sie kaufen.
Diese Zusammenhänge für Laien verständlich aufzuzeigen, ist unmöglich. Deshalb ist es auch unsinnig, mehr Demokratie in der Geldpolitik zu fordern. Es mag ja sein, dass der Krieg zu wichtig ist, um ihn den Generälen zu überlassen. Wer analog dazu mehr Mitsprache bei der Politik der Notenbank fordert, betreibt jedoch ein gefährliches Spiel. Das zeigt die Kampagne der SVP gegen die SNB. Buchverluste werden dabei in «Vernichtung von Volksvermögen» umgemünzt, um auf diese Weise die Menschen zu erschrecken. Was als demokratische Kontrolle angepriesen wird, verkommt zum populistischen Mobbing. Das heisst umgekehrt nicht, dass die SNB einen Freibrief hat. Sie muss natürlich Rechenschaft über ihr Handeln ablegen. Bisher ist sie dieser Pflicht stets nachgekommen.
