SonntagsZeitung, 26. März 2011
Das Restrisiko der Grossbanken
Die UBS ist die führende Investmentbank in Asien. Nun meldet die «Financial Times», dass diese Position bedroht ist: In Singapur und Peking laufen der UBS die Topleute davon, weil sie sich offenbar unterbezahlt fühlen. Oswald Grübel, dem Chef der Bank, passt das natürlich nicht. Seit Monaten führt er einen Kreuzzug gegen den sogenannten Swiss Finish. So nennt man die Auflagen, welche die Banken hierzulande zusätzlich zum internationalen Abkommen «Basel III» erfüllen müssen. Bundesrat, Finanzmarktaufsicht (Finma) und Nationalbank wollen, dass Schweizer Banken deutlich mehr Eigenkapital halten müssen als in Basel III vorgeschrieben. Mehr Eigenkapital jedoch mögen Investmentbanker überhaupt nicht: Ihre Boni sind an die Eigenkapitalrendite gekoppelt, und diese wiederum ist höher, je tiefer das Eigenkapital ist. So gesehen, ist es verständlich, dass Grübel über Wettbewerbsnachteile wettert. Er verteidigt die Interessen der Bank – dafür wird er schliesslich bezahlt. Wie steht es aber um die volkswirtschaftlichen Interessen?
Die Kernkompetenz des Finanzplatzes Schweiz ist das Private Banking. Die Reichen und die Superreichen kommen mit ihren Vermögen nach Genf und Zürich, weil sie Rechtssicherheit, politische Stabilität und Topservice der hiesigen Banken schätzen. Höhere Eigenkapitalvorschriften sind gut für dieses Geschäft. Es bedeutet mehr Sicherheit, und genau das lässt die «Very High Net Worth Individuals» besser schlafen. So gesehen, ist die im Swiss Finish vorgesehene Eigenkapitaldecke von 19 Prozent eher dünn. Fachleute könnten sich bis zu 40 Prozent vorstellen. Zwar wird im Investmentbanking das grosse Rad an der Wallstreet oder in der City of London gedreht. Trotzdem profitieren die beiden Grossbanken vom Standort Schweiz. Ihre Investmentbank-Tätigkeiten sind implizit durch den Schweizer Steuerzahler abgesichert. Als systemrelevante Banken sind UBS und CS bekanntlich «too big to fail».
Nur die wenigsten fühlen sich wirklich als Europäer
Für Investmentbanker ist dies die beste aller Welten. Für sie gilt: «Kopf – ich gewinne, Zahl – du verlierst.» Denn sie können ihre internationalen Wetten quasi rückversichern. Volkswirtschaftlich hingegen geht die Rechnung nicht auf. Die UBS hat zwischen 2004 und 2009 im Investmentbanking 41,7 Milliarden Franken verloren. Im gleichen Zeitraum hat die CS in diesem Bereich gerade mal 6,1 Milliarden Franken verdient. Daran ist nicht die Finanzkrise schuld. Der Bankenspezialist Claude Baumann hat in seinem Buch «Swiss Banking – wie weiter?» ausgerechnet, dass die reale Wertschöpfung der Schweizer Finanzindustrie wegen der hohen Verluste im Investmentbanking von 6,8 Prozent in den Achtzigerjahren auf 0,8 Prozent in den Nullerjahren gesunken ist.
Ohne es zu ahnen, haben die Schweizer Steuerzahler in jüngster Zeit ein riesiges Risiko mitgetragen. Dank dünner, aber von Steuerzahlern rückversicherter Eigenkapitaldecke haben die Banker jedes Risikobewusstsein über Bord geworfen. 2007 war die Bilanzsumme von UBS und CS zusammen rund siebenmal so gross wie das Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz. Zum Vergleich: In Irland haben es die drei grössten Banken nur auf das doppelte BIP gebracht, und trotzdem hat ihr Crash die Grüne Insel in den Staatsbankrott getrieben. Wer, bitte, möchte das «Restrisiko» der Banken weiter mittragen?
Oswald Grübel hat bereits mehrfach gedroht, das Investmentbanking aus der Schweiz abzuziehen. Sollte er diese Drohung tatsächlich umsetzen, dann sollten wir ihm beim Zügeln helfen.
Was UBS-Chef Oswald Grübel verschweigt: Je höher das Eigenkapital, desto tiefer die Boni.
