Philipp Löpfe

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Tages-Anzeiger, 20. April 2011 

Die gefallenen Schutzengel

Ratings: Was machen eigentlich Agenturen wie Standard & Poor’s? Warum sind sie wichtig? Und warum haben sie ein Problem?.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) sorgte zu Wochenbeginn für Hektik an den Finanzmärkten. Sie stellte langfristig ein Downgrading der Bonität für amerikanischen Staatsanleihen in Aussicht. Weltweit brachen die Börsenkurse ein. Doch innert Stunden war der Spuk vorbei. Die Kurse erholten sich, der Dollar legt sogar leicht an Wert zu. Was war das nun? Ein Sturm im Wasserglas oder der Vorbote einer weltweiten Finanzkrise?

Zunächst gilt es, eine andere Frage zu klären: Wie kann eine Firma, von der die meisten Menschen noch nie gehört haben, einen solchen Wirbel auslösen? Oder anders herum: Was sind überhaupt Ratingagenturen?

Man kann sie als eine Art Schutzengel für Anleger bezeichnen. Es gibt drei davon, Moody’s, S&P und Fitch. Sie beurteilen das Risiko bei Staats- und Unternehmensobligationen und verteilen daraufhin Noten: AAA, oder Triple A, bedeutet eine glatte Sechs. Wer unter Stufe B fällt, muss repetieren. Die Obligationen der Repetitionsklasse werden im Jargon «junk bonds» oder auch «gefallene Engel» genannt. Die Noten der Ratingagenturen haben Konsequenzen. Wer über ein Triple A verfügt, kann als solider Schuldner billig Geld aufnehmen. Will heissen: Je schlechter die Note, desto höher der Zins. Bei der vielstufigen Treppe nach unten gibt es eine entscheidende Zäsur, «investment grade» genannt. Wenn die Obligationen diesen Punkt unterschreiten, dann dürfen sie von den meisten institutionellen Investoren – Versicherungen und Pensionskassen – nicht mehr gekauft werden. Respektive: Sie müssen abgestossen werden. Für Unternehmen kann das das Todesurteil bedeuten, für Länder den Staatsbankrott. 

Katastrophales Versagen

Die Schutzengel der Ratingagenturen sind also tatsächlich mächtig. In der Finanzkrise haben sie jedoch geradezu katastrophal versagt. Sie haben einem Teil der verbrieften Hypotheken, den berühmt-berüchtigten CDOs, das begehrte Triple A verliehen. Mit anderen Worten: Sie haben hochgradig giftige Papiere als bedenkenlos geniessbar eingestuft. Viele Anleger haben zugegriffen und davon mehr als eine Darmgrippe eingefangen. Das wirft natürlich die Frage auf: Wie konnte es zu dieser eklatanten Fehl-einschätzung kommen? Der Finanz- autor Michael Lewis gibt in seinem Besteseller «The Big Short» ein lapidare Antwort: «Die Typen, die an der Wall Street keinen Job finden, arbeiten bei Moody’s.» 

Tatsächlich sind die Verhältnisse zwischen Ratingagenturen und Investmentbanken paradox. Die Angestellten von Moody’s et cetera sind tendenziell Buchhaltertypen und verdienen ein fünfstelliges Gehalt. Die Investmentbanker gehören der Gattung der glamourösen Spielernaturen an und verdienen ein siebenstelliges Gehalt. Daher besteht seit der Finanzkrise der nicht ganz unbegründete Verdacht, dass die smarten Banker die nicht ganz so smarten Kontrolleure über den Tisch gezogen haben. Das wiederum hat den Ruf und das Vertrauen in die Ratingagenturen nicht unbedingt gefestigt.

So gesehen spricht vieles dafür, dass die Warnung von S&P ein Sturm im Wasserglas war. Über die hohe Verschuldung der USA und die damit verbundenen Gefahren wissen alle längst Bescheid. Oder wie ein Zyniker den Nutzen von Ratingagenturen einst umschrieben hat: «In einem Boom braucht man sie nicht und in einer Baisse will man sie nicht.»