Philipp Löpfe

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Tages-Anzeiger, 30. März 2011 

Warum macht die Schweiz Profit?

Wirtschaft: Ein Buch erklärt den jahrzehntelangen Boom eines Landes, in dem offiziell oft über die Zukunft gejammert wird.

Der Reichtum eines Staates ist kein Glücksfall, er ist eine Gewohnheit. «Nur wenige Menschen sind sich bewusst, dass die reichen Nationen von heute reich sind, weil sie über eine lange Zeit kontinuierlich gewachsen sind, nicht weil sie in einer kurzen Zeit sehr rasch gewachsen sind», schreibt Raghuram Rajan in seinem Buch «Fault Lines». Rajan ist Professor an der University of Chicago und war zuvor Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. Als Beispiel seiner These führt er die USA an. Er hätte genauso gut die Schweiz nehmen können. Das zeigen James Breiding und Gerhard Schwarz in ihrem Buch «Wirtschaftswunder Schweiz» auf.

Wie bei Gewohnheiten üblich, sind die Einheimischen ihnen gegenüber blind – es braucht Zugewanderte, um sie zu erkennen. So sind die Autoren des Schweiz-Erfolg-Buchs nicht zufällig zugewanderte Schweizer. Breiding ist in den USA geboren. Er hat für den «Economist» als Journalist und für Julius Bär als Banker gearbeitet. Schwarz stammt ursprünglich aus Österreich, war lange Jahre Wirtschaftschef der NZZ und ist heute Direktor der Denkfabrik Avenir Suisse.

Klugerweise ist das Buch keine weitere Länder-Hitparade, in der nach weiss Gott welchen Kriterien die Wettbewerbsfähigkeit von weiss Gott welchen Nationen ermittelt und in weiss Gott welche Ranglisten gezwängt wird. Das Buch hat einen neugierigen, unsystematischen, also erzählerischen Ansatz, den der Wirtschaftshistoriker Harold James im Vorwort wie folgt beschreibt: «Der Erfolg der Schweiz definiert sich nicht über bestimmte Produkte, sondern über die Art und Weise, wie in diesem Land unterschiedliche Innovationen miteinander verknüpft werden konnten.»

Wie diese Verknüpfung im Einzelfall geschehen ist, schildern die Autoren mit 14 historischen Porträts von Branchen. Das Spektrum reicht von Tourismus bis zu Nahrungsmitteln, von Banken bis zu Pharma und Textil. In diesen Porträts werden Leistungen von Unternehmen genauso berücksichtigt wie die Schweizer Geschichte.

Sympathisch ist dabei, dass auch betont wird, dass nicht selten eine gehörige Portion Glück mit im Spiel war. Doch zufällig ist der Erfolg deswegen nicht. Das Wirtschaftswunder Schweiz hat einen harten Kern. Er besteht aus drei Elementen: 1. Die Armut an Bodenschätzen, das ungünstige Klima und die Binnenlage haben sich nicht als Fluch, sondern als Segen erwiesen. Mangel erzwingt Innovation. 2. Die Kleinheit und Vielfalt des Landes hat ebenso zwangsläufig zu einer selektiven Offenheit geführt. 3. Nicht zuletzt hat die Schweiz eine einmalige Balance zwischen individueller Selbstverantwortung und genossenschaftlicher Solidarität entwickelt.

Reich, aber verklemmt

Die Schweizer Wirtschaft ist nicht erst seit gestern erfolgreich. Schon vor 40 Jahren schrieb Lorenz Stucki ein Buch mit dem Titel «Das heimliche Imperium». Doch der Umgang mit diesem Erfolg ist bis heute verklemmt geblieben. Man jammert lieber, als dass man strahlt. Thomas Held etwa, der Vorgänger von Schwarz bei Avenir Suisse, warnte jahrelang und unaufhörlich vor einem angeblich kurz bevorstehenden Abstieg der Schweiz. So gesehen ist das vorliegende Buch von Breiding/Schwarz eine wohltuende Rückkehr zur Nüchternheit. Erfolg ist schliesslich etwas, dessen Realität man klugerweise so anerkennen muss wie gelegentlichen Misserfolg auch.

Der Erfolg ist für die Schweiz aber auch eine Gefahr geworden. Einerseits wird auch hierzulande die Kluft zwischen Arm und Reich stetig tiefer. Und dann ist die erfolgreiche Schweiz zu einem logischen Magnet für Zuwanderer geworden. Hier brauen sich kräftige politische Konflikte zusammen, fühlen sich doch die Schweizer im eigenen Land zunehmend an den Rand getrieben.

Davon wollen die beiden Autoren allerdings nichts wissen. Geradezu naiv sprechen sie von der Schweiz als «einem erstaunlichen ‹melting pot›, dessen Weltoffenheit allerdings nicht gleichbedeutend ist mit einer unbegrenzten Offenheit des Herzens und schrankenloser Toleranz». Was sie damit meinen, bleibt ihr Geheimnis.

Erfolg ist Gewohnheit. Deshalb können ihn Einheimische auch nicht erkennen. Und nur Fremde sehen ihn.