Philipp Löpfe

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Tages-Anzeiger, 03. Januar 2011 

Philipp Hildebrand boxt in einer zu hohen Gewichtsklasse

Währungshüter Notenbanker sind Stars – oder Versager.


Wahrscheinlich ist Philipp Hildebrand heute bekannter als Didier Burkhalter. Dabei ist der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) nicht mediengewandter als der Innenminister. Im Gegenteil: Hildebrand gibt zum Leidwesen der Journalisten kaum Interviews. Es liegt an der Sache: Der oberste Währungshüter der Schweiz bewegt die Menschen, weil das Schicksal des Frankens die Menschen bewegt.

Hildebrand ist kein Schweizer Sonderfall. Notenbanker sind die Rockstars der Moderne und oft berühmter als Staatsoberhäupter. Das gilt für Ben Bernanke, den Präsidenten des US-Federal Reserve System (Fed), genauso wie für Jean-Claude Trichet, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB). Über sie wird in den Medien fast täglich berichtet, ihr Einfluss ist mittlerweile kaum mehr zu überschätzen. Wenn Trichet die deutsche Kanzlerin kritisiert, macht dies genauso Schlagzeilen, wie wenn Bernanke eine neue Runde von «quantitative easing» ankündet, also den Aufkauf langfristiger Staatsanleihen, damit die Zinsen sinken.

Notenbanker und ihre Handlungen werden am Stammtisch diskutiert wie Fussballtrainer und deren Aufstellung und Taktik. Hat Hildebrand mit seinen Euro-Käufen Volksvermögen verschleudert oder der Wirtschaft geholfen? Treibt Bernanke mit seiner lockeren Geldpolitik die Welt in eine Inflation oder Trichet mit seinem harten Vorgehen Europa in eine Deflation? Jedermann und selbst sein Hund haben dazu inzwischen eine Meinung.

Die «Herren des Geldes»

Das Phänomen des Notenbankers als Rockstar mag neu sein im 21. Jahrhundert, einzigartig ist es nicht. In den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts waren die Zustände verblüffend ähnlich. Montagu Norman, der Präsident der Bank of England, Hjalmar Schacht, Chef der deutschen Reichsbank, und Benjamin Strong vom Fed prägten die Politik ihrer Nationen stärker als die jeweiligen Regierungschefs. Und sie standen auch im Fokus der Öffentlichkeit. Das Interesse an den «Herren des Geldes» war berechtigt: Norman ruinierte mit seiner unglückseligen Rückkehr zum Goldstandard die britische Wirtschaft, Schacht besiegte mit einem geschickten Schachzug die deutsche Hyperinflation, und Strong beschwor mit einer unbedachten Zinssenkung die Börsenblase herauf, die 1929 platzte und die weltweite Wirtschaftsdepression einleitete.

Die Währungen stehen heute, wie in den Zwanzigerjahren, wieder im Zentrum der Geopolitik. China und die USA sind in einen endlosen Streit um den richtigen Wechselkurs zwischen Yuan und Dollar verwickelt. Europa steht im Bann seiner Einheitswährung. Die Schweizerische Nationalbank muss sich mit Händen und Füssen gegen einen schwindsüchtigen Dollar und einen wackligen Euro wehren. Dabei boxen Philipp Hildebrand & Co. in einer zu hohen Gewichtsklasse. Die Schweizer Wirtschaft mag zwar gut in Schuss sein. Trotzdem ist sie viel zu klein, um auf Dauer ein «sicherer Hafen» für all die verunsicherten Anleger zu sein, die weltweit Schutz vor Inflation und Abwertung suchen.

Paradoxerweise wird der Schweiz ihr eigener Erfolg zum Verhängnis. Weil wir stabile politische Verhältnisse und tiefe Staatsschulden haben, ist der Franken heiss begehrt. Doch der Schweizer Markt ist zu wenig liquid, um das hereinströmende Kapital neutralisieren zu können. Der Kurs des Frankens steigt und steigt. Gegenüber dem Euro hat er seit dem letzten Frühling mehr als 15 Prozent zugelegt. Allmählich machen sich in der Exportwirtschaft deutliche Bremsspuren bemerkbar.

Die Nationalbank hat mit massiven Euro-Aufkäufen eine übermässige Aufwertung des Frankens zu verhindern versucht. Sie hat dabei Milliarden an Buchverlusten eingefahren, ohne dafür einen sichtbaren Erfolg vorweisen zu können. Wer weiss schon, wie der Franken heute ohne diese Interventionen bewertet wäre? Trotzdem muss die Nationalbank den Kampf gegen einen zu starken Franken auch 2011 weiterführen. Die Schweiz hat schliesslich nicht nur Banken und Versicherungen. Sie ist auch das Land mit dem höchsten industriellen Output weltweit pro Kopf.

Deshalb wird Philipp Hildebrand in einem Jahr wahrscheinlich noch ein wenig bekannter sein, als ihm heute schon lieb ist.